Die weit verbreitete Annahme, Gichin Funakoshi (1868–1957) sei der Begründer des heutigen Shotokan-Karate, hält einer historischen und inhaltlichen Prüfung nicht stand. Sie beruht weniger auf Funakoshis eigener Lehre als vielmehr auf einer späteren Umdeutung seines Namens und seiner Autorität. Funakoshi verstand Karate ausdrücklich nicht als Stil. Er betonte sinngemäß und wiederholt: „Es gibt nur ein Karate.“Diese Aussage richtete sich klar gegen die Aufspaltung in Schulen, Richtungen oder konkurrierende Systeme. Karate war für ihn ein universeller Weg der Übung und Lebensführung, geprägt von Maß, Natürlichkeit, Haltung, Atmung, geistiger Ordnung und gesundheitlicher Kultivierung. Die spätere Stilbildung widersprach diesem Verständnis grundsätzlich.
Als Funakoshi ab 1922 in Japan wirkte, war er gezwungen, sich den kulturellen und pädagogischen Rahmenbedingungen des japanischen Budō-Systems anzupassen. Kampfkunst wurde nur dann akzeptiert, wenn sie japanisiert, didaktisch strukturiert und erzieherisch begründet war. In diesem Zusammenhang ersetzte Funakoshi chinesische Begriffe und Namen durch japanische, änderte die Schreibweise von Tōde in Karate und legte den Schwerpunkt stärker auf ethisch-pädagogische Inhalte. Diese Anpassung war eine strategische Notwendigkeit, jedoch keine Neuschöpfung eines eigenen technischen Systems. Auch der Begriff „Shotokan“ bezeichnete ursprünglich keinen Stil, sondern lediglich den Namen seines Dōjō – das „Haus des Shōtō“. Erst nachträglich wurde daraus eine Stilbezeichnung, ohne dass Funakoshi dies intendiert oder legitimiert hätte.
Hinzu kommt der entscheidende technische Aspekt. Bereits in den 1930er-Jahren war Funakoshi altersbedingt kaum noch in der Lage, intensiven körperlichen Unterricht zu geben. Die maßgebliche technische Entwicklung jener Zeit ging von seinem Sohn Yoshitaka Funakoshi (1906–1945) aus. Tiefe Stände, stärkere Hüftrotation, neue Kicktechniken und eine dynamischere, spannungsbetonte Ausführung entstanden unter dessen Einfluss. Das technische Fundament dessen, was später als Shotokan bekannt wurde, geht daher nicht auf Gichin Funakoshi selbst, sondern auf diese nächste Generation zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte mit der institutionellen Neuordnung des Karate eine weitere Zäsur. Eine zentrale Rolle spielte dabei Masatoshi Nakayama (1913–1987). Karate wurde standardisiert, vergleichbar gemacht und zunehmend leistungs- und wettkampforientiert ausgerichtet. Funakoshis Name wurde dabei bewusst als Autorität genutzt, obwohl er zu diesem Zeitpunkt hochbetagt, gesundheitlich eingeschränkt und nicht mehr aktiv in Entscheidungsprozesse eingebunden war. Das entstehende moderne Shotokan entfernte sich deutlich von Funakoshis ursprünglichem, funktionalem und gesundheitsorientiertem Ansatz.
In diesem Zusammenhang ist auch die häufig wiederholte Behauptung kritisch zu betrachten, Nakayama habe während eines Aufenthalts in China chinesische Kampfkünste studiert. Historisch ist dies äußerst unwahrscheinlich. Nakayamas Aufenthalt in China fiel in die Zeit des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges. In einem offenen Kriegs- und Besatzungskontext war es für einen Japaner faktisch unmöglich, als ziviler Ausländer ernsthaft Zugang zu chinesischen Kampfkünsten zu erhalten. Diese waren lokal, familien- oder dorfgebunden und stark von anti-japanischer Haltung geprägt. Ein systematisches Studium chinesischer Kampfkünste durch Nakayama kann daher als historisch nicht belegbar und realistisch ausgeschlossen gelten. Die Behauptung erfüllt eher eine nachträgliche legitimierende Funktion als eine belegte biografische Tatsache.
Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang der Weg von Shigeru Egami (1912–1981), einem langjährigen direkten Schüler Funakoshis. Egami trennte sich bewusst von der modernen Ausrichtung unter Nakayama, weil er diese als Abkehr von der realen Kunst seines Lehrers verstand. Während das moderne Shotokan weiter verdichtet, spannungsbetont und leistungsorientiert wurde, suchte Egami nach Natürlichkeit, Durchlässigkeit, innerer Kraft, geistiger Ruhe und funktionaler Bewegung ohne künstliche Härte. Aus dieser bewussten Abgrenzung heraus entstand Shotokai, verstanden nicht als neuer Stil, sondern als Versuch, Funakoshis Karate ohne sportliche Verformung weiterzugeben.
Zusammenfassend lässt sich klar festhalten:Gichin Funakoshi war der Vermittler, Lehrer und geistige Wegbereiter des Karate in Japan, aber nicht der Begründer des heutigen Shotokan im technischen oder methodischen Sinn. Das moderne Shotokan ist ein nachkriegszeitliches Produkt, geprägt durch die Arbeit seines Sohnes, durch universitäre Budō-Strukturen und durch sportwissenschaftliche Standardisierung. Funakoshis eigenes Karate war deutlich zurückhaltender, funktionaler und gesundheitsorientierter. Gerade deshalb ist es historisch nicht haltbar, Funakoshi als Begründer des heutigen Shotokan zu bezeichnen. Er war vielmehr die ethische Referenzfigur, deren Name später für eine Entwicklung stand, die er selbst so weder geplant noch gewollt hatte.









